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Sehr geehrter Herr Maggi      

Jürgen Sprenzinger schreibt an die VGA...

Nachfolgender Brief wurde aus dem Buch "Sehr geehrter Herr Maggi" entnommen, mittlerweile ein Bestseller. Erschienen im November 1996 im Droemer-Knaur Verlag München.

Mehr Infos zu diesem Buch: http://www.sprenzi.de

Freundliche Genehmigung von Jürgen Sprenzinger zum Abdruck liegt uns vor.

Jürgen Sprenzinger -> VGA

Jürgen Sprenzinger
Friedenstraße 7a
86179 Augsburg

 

An die
VGA
Verkehrsdirektor Herrn Pussinelli
Hoher Weg

86152 Augsburg

                       13. März 1995

Sehr geehrter Herr Verkehrsdirektor,

seit meiner Kindheit fahre ich Trambahn. Ich fahr schon so lange Trambahn, daß ich mich noch erinnern kann, daß ich damals vom Georgsviertel naus nach Pfersee 15 Pfennig gezahlt hab. Das waren noch Zeiten! Und ein Schaffner war auch noch immer da und hat rumgeschimpft, wenn man nicht brav war und recht lacklig. Das war noch gmütlich. Trotzdem bin ich immer noch ein begeisterter Trambahnfahrer und tät eigentlich jede Fahrt genießen, wenn ich nicht seit einiger Zeit ein gesundheitliches Problem hätt, an dem Sie nicht unschuldig sind.

Ich wohn jetzt momentan in Haunstetten. Ich hab da eine relatif günstige Miete und die Nachbarn sind auch recht nett und der Woolwort und der Aldi sind auch da, da kann man ganz gut leben.
Aber ab und zu muß ich halt doch in die Stadt und dann fahr ich mit der Linie 4 immer bis zum Königsplatz. Da steig ich immer aus und geh dann zum Karstadt.

Aber ich hab während der Fahrt immer ein Problem. Und zwar mit der Ansage. Sie wissen schon, die Dame, die da immer sagt: nächste Haltestelle Protestantischer Friedhof, nächste Haltestelle Theodor-Heuss-Platz, nächste Haltestelle Königsplatz, Umsteigen in alle anderen Richtungen und so weiter. Das find ich ja ganz gut, obwohl das überhaupts keinen Schaffner ersetzen kann, weil ein Schaffner eben ein Schaffner ist. Auch mit der Zahlerei wärs dann besser, weil es ja doch einige Batzi gibt, die nichts zahlen und und schwarz fahren. Ein Schaffner kassiert halt ganz einfach und schmeißt den, der nicht zahlen kann, einfach naus. Dieser Fahrkartenautomat kann doch gar nicht feststellen, ob einer zahlt oder ein gültiges Bilett hat, der klingelt doch bloß recht blöd. Das tät mich auch noch nicht stören, aber manchmal haben Sie da so eine Piepsstimme auf Band, ich sags Ihnen ganz ehrlich, da lupfts mich immer aus dem Sitz, wenn ich die hör und mein Magen tut mir grausam weh. Diese Stimme geht mir immer durch Mark und Bein. Haben Sie denn keine andere Dame, die eine schönere Stimme hat, nicht so eine mausähnliche. Seitdem hab ich nämlich ein Magengeschwür. Und mein Doktor hat mir gesagt, daß sowas davon kommen kann.

Dann hab ich da noch ein Problem. Wenn ich mittags dann wieder vom Karstadt nach Hause fahr, dann muß ich mich jedesmal ärgern über diese jungen, elendigen Saukrüppel, die erstens drängeln, dann zweitens mir den Platz wegnehmen, mir den Hut vom Kopf stoßen und überhaupts recht umeinanderplärren. Ich bin eigentlich recht tier- und kinderlieb und tu grundsätzlich keiner Fliege was zuleide, aber da werd ich immer so narrisch, daß ich am liebsten Watschen austeilen tät. Nur meine gute Erziehung haltet mich davon ab. Weil, wissen Sie, ich sags Ihnen mal ganz ehrlich: wir hätten uns das nicht getraut, weil wir haben noch Respekt gehabt vor einem Erwachsenen.

Ich möchte Ihnen nun einen Vorschlag machen: vielleicht können Sie mal wieder Schaffner einsetzen, aber keine solchen Milchbuben, sondern richtig strenge, die die Kinder auch mal aus der Trambahn schmeißen, wenn sie recht aufmüpfig sind. Oder was auch nicht schlecht wär, wär eine geschlossene Kinderabteilung, da können diese mißratenen Gören kein Unheil anrichten und belästigen wenigstens keinen Erwachsenen mit. Und da können die dann auch Dreck machen und ihren Kaugummi an die Fenster pappen und rumplärren und alle solche Unarten ausleben.

Und dann ist da noch was. Ab und zu hat meine Frau Spätschicht. Und da fährt sie mit der Trambahn bis zum Königsplatz und muß dann in die 4er umsteigen. Aber oft schon hat sie mir erzählt, daß sie da von irgendwelchen Typen belästigt wird. Sie müssen nämlich wissen, daß meine Frau 13 Jahre jünger ist als ich und noch unwahrscheinlich adraktiv. Und da laufen dann so Sauköpfe rum, die Frauen anpöbeln. Schon oft hab ich zu meiner Frau gesagt, sie soll den Hund mitnehmen, der packt das Gesindel dann schon zusammen, aber sie sagt, sie kann im Geschäft keinen Hund nicht brauchen.
Sie sollten da einen Wachmann aufstellen oder vielleicht einen Polisten mit Hund beauftragen. Die laufen sowieso keine Streifen mehr und wenn man einen laufen sieht, dann ist wahrscheinlich gerade sein Polizeiauto kaputt.

Vielleicht können Sie sich mal Gedanken drüber machen, wenn Sie Zeit haben, damit das Trambahnfahren wieder so schön wird wie es 1954 war. Ich bin sicher, dann fahren wieder mehr Leute mit der Trambahn und lassen ihre stinkenden Blechkisten daheim.

Ich hoffe, Ihnen hiermit gedient zu haben und verbleibe in der Hoffnung, daß sich da bald was ändert. Vielleicht gebens mir auch Bescheid, was Sie dagegen machen wollen, interessieren tät mich das nämlich schon gewaltig.

Mit freundlichen Grüßen

Jürgen Sprenzinger

VGA -> Jürgen Sprenzinger

Stadtwerke Augsburg, Postfach 10 24 40, 86014 Augsburg
St/Bü - Frau Bühringer, 31.03.1995

 

Jürgen Sprenzinger
Friedenstraße 7a

86179 Augsburg

 

Sehr geehrter Herr Sprenzinger,

ich habe Ihr Schreiben vom 13.03.1995 erhalten und freue mich sehr, daß Sie als Fahrgast die kleinen und größeren Unzulänglichkeiten in Zusammenhang mit den Verkehrsbetrieben so humorvoll und nachsichtig schildern.

Ich bin mit Ihnen einer Meinung, daß manche Dinge geändert werden könnten, muß jedoch dazu sagen, daß nicht jeder Mitbürger oder Fahrgast sich unserer Meinung anschließen würde. Bezüglich Ihres gesundheitlichen - auf die Ansagen in unseren Fahrzeugen bezogenen - Problems, kann ich Ihnen eine für Sie sicherlich erfreuliche Mitteilung machen. Abgesehen davon, das die Stimme der Sprecherin durch zwangsläufig abgenutzte Geräte etwas verändert zu hören ist, werden künftig die Ansagen von einer anderen Dame übernommen. In vielen unserer Fahrzeuge ist bereits die neue Stimme zu hören und ich hoffe sehr, daß die Verkehrsbetriebe bei der Auswahl derselben, Ihren Geschmack getroffen haben. Somit hoffe und wünsche ich, daß das Magengeschwür Ihnen künftig keinerlei Beschwerden mehr bereitet.

Aus Kostengründen ist es leider nicht möglich, in den Fahrzeugen des öffentlichen Nahverkehrs außer dem Fahrer noch einen Schaffner einzusetzen, obwohl dieser mitunter vonnöten wäre, um bei manchen Fahrgästen - insbesondere bei einigen Schülern - für mehr Rücksichtnahme zu sorgen. Die Verkehrsbetriebe vermerken mit Genugttung, daß hin und wieder ein Fahrgast mit einer Ermahnung für Ruhe und Disziplin sorgt. Ich möchte allerdings nicht unerwähnt lassen, daß am größten Teil unserer jungen Fahrgäste nichts auszusetzen ist und die Verkehrsbetriebe nicht unerhebliche Einnahmen durch die Beförderung von Schülern haben.

Sehr geehrter Herr Sprenzinger, bezüglich der Anpöbelung Ihrer werten Gattin in unseren Fahrzeugen bitte ich Sie, beziehungsweise Ihre Frau, sich im Bedarfsfalle unverzüglich an den Fahrer zu wenden. Da die Fahrzeuge ausnahmslos mit Funk ausgestattet sind, kann er - wenn nötig - die Polizei verständigen. Im Normalfalle reicht es jedoch, wenn der Fahrer diese Rüpel zu einem anständigem Verhalten auffordert.

Ich erlaube mir Ihr Schreiben den Verkehrsbetrieben zur Kenntnis zu geben, damit von dieser Seite ebenfalls vermerkt wird, wo die Fahrgäste "der Schuh drückt". Nochmas vielen Dank für Ihr Schreiben und ich wünsche Ihnen künftig "Gute Fahrt" mit der VGA.

Mit freundlichen Grüßen

Stadtwerke Augsburg

Dr. Pusinelli